Der Untergang

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11.05.2005 19:43 #352569 von mahony01
mahony01 antwortete auf Der Untergang

aber was stellten sich die leute wohl vor, wo die millionen juden hingekommen sind, die plötzlich aus dem alltagsleben verschwunden waren ? in gigantische lager ? :huh:

Es war ja nunn nicht so, das alle zuvor an einem Ort gelebt haben, oder das die jüdischen Mitbürger damals in eigenen Bezirken einer Stadt gewohnt haben. Auch "verschwanden" ja nicht alle auf einmal.

Klar gab es "deutsche" die Bescheid wußten, aber es war ja damals auch keine Demokratie, sondern es war eine Diktatur wo man alles schön unter den Tisch kehren konnte, was das "gemeine" Volk nicht wissen sollte.

Deutschland war damals nun mal gleichgeschaltet und es herrschte eine Zensur auf alle Medien. Wenn das so einfach wäre, diesen Kreis zu durchbrechen, warum gibt das dann heute noch Staaten wie Nord Korea? Ich wage die Situation dort, mal mit der Meinungs- und Pressefreiheit des dritten Reiches zu vergleichen.

All das sollte man auch bedenken, ehe man Thesen aufstellt, von wegen "es wußten alle Bescheid was damals geschah".

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11.05.2005 20:11 #352575 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Der Untergang

"es wußten alle Bescheid was damals geschah".

des bahauptet ja auch niemand, dass es alle gewußt haben. aber es war ein tabuthema und man wollte es eigentlich gar nicht wissen, auch wenn man es wußte. allein schon dieser ofen-hersteller. das war ein relativ großer betrieb. was werden sich die arbeiter dort gedacht haben, öfen zu bauen, mit denen man möglichst viele leichen in möglichst kurzer zeit verbrennen kann und diese dann in einem "harmlosen" arbeitslager installiert werden :huh: <_<

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11.05.2005 21:20 #352626 von mahony01
mahony01 antwortete auf Der Untergang
Das wird auch gerade auf den Bauplänen drauf gestanden haben, wofür die Öfen gebaut wurden.

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11.05.2005 22:42 #352706 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Der Untergang

Das wird auch gerade auf den Bauplänen drauf gestanden haben, wofür die Öfen gebaut wurden.

welche normalen krematoriumsöfen sind für 1000 leichen pro tag ausgelegt :huh: <_<

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12.05.2005 06:09 #352719 von Datcheffe
Datcheffe antwortete auf Der Untergang

jeder der die reden von hitler, goebbels & co. im radio hörte. wurde da nicht ständig von "vernichtung der jüdischne rasse" geredet ?  :huh: in den meisten familien war es ja fast ein feiertag, wenn der führer im radio sprach. da kann einem doch sowas nicht entgangen sein  :null: die öfen in den krematorien wurden von einer firma ("topf" hieß die glaube ich) speziell für diesen zweck entworfen und sogar vor ort (!) gewartet. wozu brauchte man diese menge an verbrennungsöfen für menschliche leichen in einem harmlosen arbeitslager ?  :huh: ich denke, dass da viele einfach weggesehen haben, weil sie mit der sache nichts zu tun haben und später keine schwierigkeiten haben wollten.

Es wurde von der Vernichtung der jüdischen Rasse in Deutschland geredet. :adeal:

Jeder wußte, das vor dem Krieg Juden Deutschland verliessen und z.B. in die USA gingen.

Danach hieß es, sie wurden nach Osten umgesiedelt, also raus aus Deutschland. Auch das es das Warschauer Ghetto gab und Lager in Deutschland war durchaus bekannt.

Aber welche Zustände dort herrschten, das wußten nur die Herrschaften die oben in der SS saßen und das Wachpersonal, welche zumeist fanatische Nazis waren und natürlich zur Verschwiegenheit verdonnert waren.
Jeder, der den Mund aufgemacht hätte und dabei erwischt worden wäre,.....wie wäre ihm das wohl bekommen??? Die Gestapo hatte überall ihre Ohren ,weitausschlimmer als die Stasi.

Die normalen Reichsdeutschen gingen zur damaligen Zeit ihren ganz normalen Alltagsgeschäften nach, die durch die Bombenangriffe auch immer schwieriger wurden, verfolgen die Taten der angeblich unschlagbaren deutschen Armee und fertig.

Klar, die Reichskristallnacht hat jeder mitbekommen und das es immer weniger Juden gab, welche laut Hitler ja Schuld allen Übels waren, bekam auch jeder mit, doch niemand konnte sich vorstellen, das nach den Siegen im Osten Vernichtungslager, allein dieses Wort gab es bis dato dort noch nicht einmal, solchen Ausmaßes gebaut wurden.

@ TCB , du kannst mal davon ausgehen , das diese Firma und ihre Mitarbeiter, welche diese Öfen baute, unter ständiger Überwachung stand. Und selbst wenn jemand etwas gesagt hätte, hätte man ihm geglaubt????

Ein Beispiel für diesen Wahnsinn damals erzählte mir mein Opa.

Er war in der Waffen-SS. Er war sogar in der Leibstandarte, welche hier umme Ecke damals ihre Kaserne hatte und davon abgesehen, war sie damals etwas Besonderes. :null:

Er hat sich auch freiwillig gemeldet. Nicht weil er überzeugter Nazi war, sondern weil er in der Waffen-SS Offizier ohne Hochschulabschluß werden konnte, das ging so in der Wehrmacht zu *Friedenszeiten* nicht.

Jedenfalls gehörte er von Anfang bis zum Ende wirklich nur der kämpfenden Truppe an.
Polen,Frankreich,Griechenland,Ostfront blablabla. Er war also 6 Jahre dabei,zig mal verletzt, hochdekoriert usw. Er machte sich im April 45 dann aus Ungarn mit dem Rest seiner Abteilung auf den Weg in Richtung Süddeutschland und ging dann bei den Amis in Gefangenschaft. Jedenfalls lernte er dort auch Leute kennen die in der SS-VT gedient haben. Nachdem nun , für meinen Opa das erste Mal, Berichte der Amis über Dachau bekannt wurden , wurde er mit diesen SS- Leuten dort hingekarrt. Erstmal mußten sie ran, die Toten dort beerdigen und danach wurden sie dort im Lager eingesperrt. Mein Opa erzählte mir, das er beim Betreten des Lagers fast durchgedreht ist. Er hatte sich ja schon gedacht, das es diese Lager gab, aber was dort abging konnte man sich nicht vorstellen. Selbst für ihn , der ja nun wirklich viel im Krieg mitgemacht hat, war es zu viel. Nun erfuhr er jedoch, das diese Leute von der SS-VT dort und in anderen Lagern Wachdienst hatten. Er stellte diese Leute zur Rede , diese versuchten sich natürlich rauszureden von wegen Befehl und so.

Er erzählte mir danach, wenn er eine Waffe gehabt hätte , hätte er diese Schweine abgeschlachtet und sei es mit einem klapprigen alten Spaten. Er war eine alte Frontsau und hat dabei geweint wie ein kleines Kind.

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12.05.2005 07:32 #352728 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Der Untergang

"Man hat ja nichts gewußt":
Der Holocaust im deutschen Familiengedächtnis

Im Familiengedächtnis erscheinen die Deutschen als Volk von Opfern - und der Holocaust als Randepisode der Geschichte
Von Magnus Klaue
Erschienen in: Konkret, Heft 11, November 2002

"Von den neuen Antennen kommen die alten Dummheiten. Die Wahrheiten aber werden von Mund zu Mund weitergegeben." Brechts Satz faßt eine Überzeugung zusammen, die noch immer in Teilen der Linken verbreitet ist. Die öffentliche Rede ist demnach vom "falschen Bewußtsein" durchtränkt, während die ungehörten Stimmen der "kleinen Leute" Medium historischer Wahrheit sind. Oral history erscheint so als ein Gegenentwurf zur offiziellen, schriftlich fixierten Geschichtsschreibung. Fast alle dissidenten Ansätze der Geschichtswissenschaft berufen sich in irgendeiner Form auf die angebliche Authentizität mündlicher, "lebendiger" Rede. Im Zuge der "Bewältigung" der NS-Vergangenheit ist das Konzept der Oral history seit den achtziger Jahren auch in Deutschland populär geworden. Seine Prämissen werden indes nur selten diskutiert. Die Gewißheit, daß hier "echte Menschen" als "Zeitzeugen" sprechen, scheint alle unbotmäßigen Nachfragen zu unterbinden.

Der Essener Historiker Harald Welzer hat nun eine Studie über die Präsenz von Nationalsozialismus und Holocaust im deutschen Familiengedächtnis vorgelegt, die das Konzept der Oral history vom Kopf auf die Füße stellt. Gerade die mündlich überlieferte "Geschichte von unten" erweist sich darin als Ort von Halbwahrheit, Heuchelei und Geschichtsfälschung. Welzers Studie beruht auf Interviews mit Deutschen der Großeltern-, Kinder- und Enkelgeneration und untersucht, wie im Familienkreis über die NS-Zeit geredet wird. Dabei geht es nicht, wie im psychoanalytischen Gespräch, um den latenten Gehalt des Gesagten, sondern um die Frage, "welche Wirksamkeit das Gesagte im Weitergabeprozeß entfaltet". Welzers Ergebnisse verdeutlichen die Schwächen der kognitivistischen Gedächtniskonzepte, die bis heute die Forschungsdiskussion beherrschen. Demgegenüber zeigt seine Studie, daß unterschieden werden muß zwischen dem in Schulen, Universitäten und Geschichtsbüchern tradierten "kognitiven Wissen" über die NS-Geschichte und der im Familienkreis überlieferten "emotionalen Erinnerung": "Metaphorisch gesprochen, existiert neben einem wissensbasierten ›Lexikon‹ der nationalsozialistischen Vergangenheit ein weiteres, emotional bedeutenderes Referenzsystem für die Interpretation dieser Vergangenheit: eines, zu dem konkrete Personen ebenso gehören wie Briefe, Fotos und persönliche Dokumente. Dieses ›Album‹ vom ›Dritten Reich‹ ist mit Krieg und Heldentum, Leiden und Opferschaft, Faszination und Größenphantasien bebildert, nicht, wie das ›Lexikon‹, mit Verbrechen, Ausgrenzung und Vernichtung."

Das "Familienalbum", worin die Großväter als Widerstandskämpfer, die Großmütter als Beschützer von Juden und die Deutschen als Opfer "der Nazis" figurieren, ist gegen Fakten so resistent wie gegen immanente Widersprüche. So gelingt es mehreren Gesprächspartnern, zu versichern, man habe vom Holocaust "nichts gewußt", und im selben Atemzug zu behaupten, man habe Angst gehabt, "ins KZ zu kommen". Im Familiengedächtnis können historisches Wissen, biographische Erfahrung, Legendenbildung und Fiktion problemlos verschmelzen. Es bildet keinen kohärenten Diskurs, sondern besteht aus fragmentarischen, ihres Kontextes beraubten Anekdoten, die im privaten Gespräch "rekonfiguriert" werden. Zweck dieser Praxis ist die Konservierung eines über die Generationen hinweg gültigen Konzepts der "guten Familie".

Welzer beschreibt verschiedene Strategien, mit denen Familienangehörige ihre Verstrickung in die NS-Geschichte umdeuten. Zu den effizientesten zählt die mittlerweile auch im offiziellen Diskurs übliche "Wechselrahmung". Dabei werden "Merkmale aus Geschichten von Holocaust-Opfern für deutsche Leidensgeschichten in Anspruch genommen". Deutsche Soldaten werden von Russen "wie Kühe" in "Viehwagen" transportiert oder müssen sich zwecks "Selektion" in einer Reihe aufstellen. Ob diese Erinnerungen im Einzelfall auch eine Entsprechung in der Wirklichkeit haben, ist zweitrangig. Entscheidend ist die Ikonographie, in die die Interviewpartner ihre Erzählung einbetten. Sie verwenden Bilder aus Geschichten von Holocaust-Überlebenden und aus den Filmen der Alliierten nach Öffnung der Konzentrationslager, die dekontextualisiert und zu "Ikonen der Vernichtung" verdinglicht werden.

Der amerikanische Historiker Robert G. Moeller weist in einem Beitrag für einen von Brigitta Huhnke und Björn Krondorfer herausgegebenen Sammelband darauf hin, daß das Prinzip der Wechselrahmung schon unmittelbar nach Kriegsende in Selbstdarstellungen von "Vertriebenen" zur Anwendung kommt: "Die Berichte sind voll mit Geschichten über deutsche Frauen und Männer, die gezwungen worden seien, ihre Schädel zu rasieren oder das Hakenkreuz auf ihrer Kleidung zu tragen." Während die Judenvernichtung im deutschen Familiengedächtnis kaum präsent ist - wenn überhaupt, ist vom "Verschwinden" oder von der "Auswanderung" jüdischer Bekannter die Rede -, inszenieren sich die Deutschen in ihren biographischen Erzählungen als "Juden" und schreiben die Vernichtungsgeschichte fort, indem sie die Opfer ihrer spezifischen Erfahrung berauben. Gleichzeitig lebt das antisemitische Bild des "reichen Juden" im intergenerationellen Gespräch bruchlos weiter. Daß solche im Familiengedächtnis verankerten "Gewißheiten" dem historischen "Wissen" widersprechen, stellt für die Akteure, die an der Verfertigung ihres "Albums" mitwirken, kein Problem dar. Das Familiengedächtnis existiert gleichsam autark neben dem offiziellen, "politisch korrekten" Geschichtsbild.

Überhaupt hat Welzers Erkenntnissen zufolge die Schulbildung, die auf Vermittlung kognitiven Wissens setzt, geringen Einfluß auf das historische Bewußtsein der Individuen, das sich eher an emotionalen, privat überlieferten "Gewißheiten" orientiert. Deshalb dokumentieren die Ergebnisse der Studie nicht primär ein Versagen der Schule, sondern verweisen auf autoritäre Muster in der Binnenstruktur der Familie. Welzer zeigt, daß das Bedürfnis nach moralischer Reinwaschung bei den Enkeln am größten ist. Ambivalenzen, die in den Erzählungen der Großeltern noch zu Tage treten, werden im Bewußtsein der Enkelgeneration durchweg zum Bild der "guten Vorfahren" homogenisiert: "Opa war kein Nazi", darin sind sich alle einig - bundesdeutsche übrigens ebenso wie Ex-DDR-Familien. Mit dem Wissen darüber, "wie es wirklich war", steigt bei den gebildeten Angehörigen der jungen Generation offenbar sogar das Bedürfnis, die eigene Familie aus dem Schuldzusammenhang herauszulösen. Welzer bezeichnet diesen Prozeß als "kumulative Heroisierung".

Die Thesen der Essener Studie werden nicht nur durch die Interviews bestätigt. Vielmehr scheinen die Mechanismen des Familiengedächtnisses sich zunehmend in die Sphäre "offizieller" Erinnerung auszudehnen. Die Autobiographie des früheren "SZ"-Redakteurs Ulrich Frodien, der als Kriegsfreiwilliger bis 1944 an der Ostfront im Einsatz war, belegt dies. In ihrer Argumentation unterscheiden sich Frodiens Aufzeichnungen kaum von der selbstgefälligen Larmoyanz in den Tagebüchern der Hitler-Sekretärin Traudl Junge (siehe KONKRET 5/02). Gleich zu Beginn greift er den Topos der "Marionettenexistenz" auf, der auch Junges Apologie durchzieht: "Wir waren nur Figuren in einem Spiel, das von anderen, weit von uns entfernt, von unbekannten Spielern gespielt wurde." Wie bei Junge, kommen die "Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern" nur als Episode vor. Überblendet werden sie vom "Krieg", der als eigentliche Katastrophe der Nazizeit erscheint. So war es nicht das Wissen über den Holocaust, sondern die Erfahrung der alliierten Bombenangriffe, durch die "ich der Pazifist wurde, der ich heute bin". Seine trotz allem unleugbare Verstrickung in das NS-System begründet Frodien mit "ideologischer Indoktrination": "Man hat uns unseren kritischen Verstand verkleistert." Frodien wie Junge beschreiben sich als Opfer, nicht als Akteure des Vernichtungsfeldzugs. Passend dazu findet sich in beiden Büchern ein Bildteil, worin Familienfotos neben Dokumentaraufnahmen aus der Nazizeit stehen - ein "Album", das historische Ereignisse (SA-Aufmärsche, Pogrome, Hitlerreden) zum Hintergrundmaterial der Familiengeschichte depotenziert, statt die Verwicklung der eigenen Familie in die NS-Zeit zu veranschaulichen.

Die Authentizität solcher "Erlebnisberichte" wird, wie Welzer zeigt, durch "Skripts" hergestellt, die den Eindruck von Wirklichkeitstreue narrativ erzeugen. Reminiszenzen an Romane und Filme wie "Die Brücke" oder "Des Teufels General" durchziehen die Erzählungen der Familienmitglieder leitmotivisch. Sie dienen als "Illustration" und "Beleg" der Erlebnisschilderungen - ein Phänomen, auf das auch die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch in einem Beitrag für einen von Volkhard Knigge und Norbert Frei edierten Sammelband hinweist. Topoi aus Nachkriegsfilmen oder Landsergeschichten werden verwendet, um Ambivalenzen der eigenen Biographie mit Hilfe eines kollektiv verbürgten "Narrativs" einzuebnen. Die "eigene Geschichte" folgt einem vorgestanzten Text, dessen Vertrautheit den Eindruck der Glaubwürdigkeit verstärkt. Oral history erweist sich somit als heteronome, von kulturindustriellen Klischees überformte Erinnerungspraxis.

Auch hierfür stellt die Flut an neuen Veröffentlichungen ein Beispiel bereit: Matthias Kesslers Interview mit Monika Göth, der Tochter des KZ-Kommandanten Amon Göth, der in "Schindlers Liste" vorkommt. Der erste Teil des Buchs wird durch Rückgriffe auf Spielbergs Film bestritten. Kein einziges Mal kommt Kessler, dessen Speichelleckerei ("Steh zu dir selbst! Du bist eine bewundernswerte Frau!") jede Distanz zum Gegenstand verhindert, auf die Idee, "Monika" zu fragen, welche Legitimität ein solcher Hollywood-Spielfilm ihrer Meinung nach habe. Statt dessen entwickeln Kessler und seine Patientin ("Hat das bei dir ein Trauma ausgelöst?") im Rückgriff auf den Film ihre Version historischer Wahrhaftigkeit: "Den Richard Burton als Schindler hätte ich besser gefunden." - "Manches an diesem Hollywood-Ding stimmt auch nicht." - "Eins hat er nicht gemacht: Er hat nie eine sexuell belästigt".

Zeigt Kesslers Buch, wie Vertreter verschiedener Generationen gemeinsam "ihre" Geschichte der NS-Zeit verfertigen, läßt sich am Briefwechsel Lilli Jahns, die, von ihrem Mann den Nazis ausgeliefert, zunächst in ein Arbeitslager und später nach Auschwitz deportiert worden ist, die Vereinnahmung einer jüdischen Biographie zum Zweck deutscher Selbstvergewisserung demonstrieren. "Alles, was in diesem Buch geschieht, ist wirklich geschehen. Und doch wird mancher Leser beim Lesen dieses Buches unwillkürlich an etwas Romanhaftes oder Filmhaftes denken", kauderwelscht Martin Walser in der "Süddeutschen Zeitung". Und lobt die Briefe, die Lilli mit ihren Töchtern gewechselt hat, als "Sprachdenkmal der Menschlichkeit", in dem wir "unsere Geschichte" erkennen. Zwischen Fiktion und dokumentarischem Zeugnis changiert das Projekt auch in den Selbstaussagen des Herausgebers, des Jahn-Enkels und "Spiegel"-Redakteurs Martin Doerry: "Je mehr ich mich in die Briefe vertiefte, desto mehr hatte ich den Eindruck: Da steckt eine ebenso spannende wie wichtige, erzählenswerte Geschichte drin." Zuvor seien ihm die Briefe seiner Großmutter jedoch "ebenso blaß wie unverständlich, ja rätselhaft" erschienen.

Deshalb hat er Briefe, historische Dokumente, Fotos und eigene Kommentare für die Veröffentlichung zu einem Kompendium verschränkt, das in der Tat "etwas Romanhaftes" hat. Alle Inkohärenzen, in denen sich die jüdische Vernichtungsgeschichte in den Briefen selbst sedimentiert hat, werden geglättet, um eine "spannende Geschichte" daraus zu machen, die auch Antisemiten goutieren können. Sie erzählt vom Schicksal einer "guten" Jüdin, deren assimilierte Familie das "ostjüdische Element" verachtete, die Hölderlin, Hegel und Ernst Jünger schätzte und einen reinrassigen Deutschen geliebt hat. Obwohl der Holocaust im Zentrum steht, werden seine Spuren durch Nivellierung des Materials doch wiederum getilgt. Er erscheint als persönliche Tragödie einer sympathischen Familie. Als solche kann ihn auch das deutsche Familiengedächtnis verdauen.

Literatur:

Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall: "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Fischer, Frankfurt/Main 2002, 247 Seiten, 10,90 Euro
Brigitta Huhnke/Björn Krondorfer (Hg.): Das Vermächtnis annehmen. Kulturelle und biographische Zugänge zum Holocaust. Psychosozial-Verlag, Gießen 2002, 368 Seiten, 19,90 Euro
Ulrich Frodien: "Bleib übrig". Eine Kriegsjugend in Deutschland. DTV, München 2002, 256 Seiten, 11,50 Euro
Volkhard Knigge/Norbert Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. C. H. Beck, München 2002, 450 Seiten, 24,90 Euro
Matthias Kessler: "Ich mußte doch meinen Vater lieben, oder?" Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus "Schindlers Liste". Eichborn, Frankfurt/Main 2002, 254 Seiten, 19,90 Euro
Martin Doerry: "Mein verwundetes Herz". Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944. DVA, Stuttgart/München 2002, 351 Seiten, 24,90 Euro

Magnus Klaue rezensierte in LITERATUR KONKRET 2002 "Krieg der Bilder - Bilder des Krieges" von Georg Seeßlen und Markus Metz


<a href=' www.judentum.net/deutschland/familiengedaechtnis.htm ' target='_blank'> www.judentum.net/deutschland/familiengedaechtnis.htm

da steckt viel wahres drin <_< auch ich habe noch von fast niemandem gehört "ja, mein opa war bekennender und überzeugter nationalsozialist". wenn man sich so umhört, muss man den eindruck bekommen, deutschland habe von 33-45 zu 95% aus widerstandskämpfern bestanden, von holocaust u.ä. habe man nichts gewußt und von hitler habe man von anfang an nichts gehalten :kopf1:

wenn das wirklich so gewesen wäre, wäre das, was passiert ist, NICHT passiert! <_<

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12.05.2005 07:46 #352729 von Datcheffe
Datcheffe antwortete auf Der Untergang
Du hast Recht , da steckt wirklich viel wahres drin........aber das wissen wir doch erst heute.

So brutal das jetzt klingt, aber die Bürger hatten gerade im Krieg andere Sorgen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, damit meine ich, das die SA überall Judensterne an die Geschäfte malte, Juden verschwanden( sei es selbst ausgereist, abtransportiert, was meist in *Nacht und Nebelaktionen* geschah) war damals in Deutschland Normalität.

Es gab damals die Wochenschau, den völkischen Beobachter ....alles zensiert und voll mit Propaganda. Bombenangriffe, Gefallendenmeldungen, knappe Lebensmittel....da war sich jeder selbst der Nächste. Das Volk bekam die Informationen die Goebbels genehmigte , oder warum glaubst du haben so viele an den Endsieg geglaubt, der im November 1941 sogar schon Utopie war.


Ich will hier niemand in Schutz nehmen, nichts entschuldigen oder sogar rechtfertigen, aber ich daran denke, was wir heutzutage trotz all der Medien und Technik nicht wissen was gerade jetzt in der Welt passiert , wundert mich es nicht , daß das Nazipack vieles verheimlichen konnte.

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12.05.2005 08:15 #352733 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Der Untergang

Du hast Recht , da steckt wirklich viel wahres drin........aber das wissen wir doch erst heute.

So brutal das jetzt klingt, aber die Bürger hatten gerade im Krieg andere Sorgen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, damit meine ich, das die SA überall Judensterne an die Geschäfte malte, Juden verschwanden( sei es selbst ausgereist, abtransportiert, was meist in *Nacht und Nebelaktionen* geschah) war damals in Deutschland Normalität.

Es gab damals die Wochenschau, den völkischen Beobachter ....alles zensiert und voll mit Propaganda. Bombenangriffe, Gefallendenmeldungen, knappe Lebensmittel....da war sich jeder selbst der Nächste. Das Volk bekam die Informationen die Goebbels genehmigte , oder warum glaubst du haben so viele an den Endsieg geglaubt, der im November 1941 sogar schon Utopie war.


Ich will hier niemand in Schutz nehmen, nichts entschuldigen oder sogar rechtfertigen, aber ich daran denke, was wir heutzutage trotz all der Medien und Technik nicht wissen was gerade jetzt in der Welt passiert , wundert mich es nicht , daß das Nazipack vieles verheimlichen konnte.

dann sollte man aber wenigstens HEUTE offen darüber reden und nicht immer noch dinge vertuschen. wieso geben die leute nicht zu, dass sie selbst oder ihre väter und großväter begeisterte nazis waren ? um die "familienehre" nicht zu besudeln ? es würde eher menschliche größe zeigen, offen über die dinge zu reden.

im zusammenhang mit diesem film über albert speer ("speer und er") interviewten sie auch seinen sohn (auch albert und einer der erfolgreichsten architekten deutschlands!). auch er redete um den heißen brei herum, so nach dem motto, er habe albert speer sen. immer nur als vater gesehen, politik sei zu seinen lebzeiten tabu gewesen. mit filmaufnahmen konfrontiert, auf denen er als 5jähriger mit adolf hitler auf dem obersalzberg spielt und herumalbert, sagte er, das sei alles so unwirklich, er könne sich auch nicht mehr daran erinnern (ok, das stimmt wahrscheinlich). wieso sagt er nicht einfach wie es war, dass seine familie zum engsten kreis um hitler gehörte und er als kind selbstverständlich auch mit dem "lieben onkel adolf" spielte ? <_<

einer der offen und vorbildhaft über die nazivergangenheit seines vaters redet, ist übrigens der bekannte schriftsteller Hellmuth Karasek :up:

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12.05.2005 09:00 #352744 von Datcheffe
Datcheffe antwortete auf Der Untergang

dann sollte man aber wenigstens HEUTE offen darüber reden und nicht immer noch dinge vertuschen. wieso geben die leute nicht zu, dass sie selbst oder ihre väter und großväter begeisterte nazis waren ? um die "familienehre" nicht zu besudeln ? es würde eher menschliche größe zeigen, offen über die dinge zu reden.

Ich für mich erzähle, was mein Großvater gemacht hat. Ich habe kein Problem damit und fühle mich nicht schuldig für irgendwas was er getan hat oder auch nicht.

Ich hatte ihn damals offen ins Gesicht gefragt, ob er Nazi war oder nicht. Er verneinte es. Er gab zwar zu, das er sich dazu bei der Musterung bekannt hatte, sonst wäre er nicht zur LAH genommen worden, aber für ihn, so stellte er es hin, heiligte der Zweck die Mittel. :null:

Nach seinem Tod fand ich auch heraus, das er 1943 in Jugoslawien startioniert war. Was er dort gemacht hat, liegt auf der Hand. Heute würde ich ihn damit konfrontrieren. Wie schon geschildert, erzählte er mir, das er wirklich nicht wußte was genau geschah. Lager ja- aber was dort abging wohl nicht.

Was ich eigentlich meine, ist, man sollte nicht alle Deutschen schuldig sprechen , denn die meisten wußten es , siehe oben, bestimmt nicht. Die Zeiten waren andere und auch die Menschen waren anders.

Traudl Jung, Rochus Misch und auch dieser bekannte MG- Schütze aus der Normandie verdienen mit ihren Fernsehauftritten und Büchern und was es da alles gibt eine Menge Geld. Fraglich für mich inwieweit sie die/ihre Wahrheit sagen oder auch nicht.

Söhne von Speer schämen sich vielleicht über die Vergangenheit ihres Vaters, würden Goebbels Kinder, würden sie noch leben, wahrscheinlich auch machen. Wer weiß!?

Zum Film nochmal, er war nötig und wichtig und er war relativ realistisch , soviel man Realismus heute zu diesen Thema erwarten kann. Er zeigt den Wahnsinn dieser Zeit, die Verzeiflung der Menschen und dazu auch den Grund weshalb heute noch soviel alte Menschen versuchen sich davon zu distanzieren.

Ich wage hiermal die Aussage vielleicht konnten und kannten sie (es) nicht anders.

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12.05.2005 13:10 #352824 von mahony01
mahony01 antwortete auf Der Untergang

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