file ... und was riskierst du für deine Musik?

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13 Okt 2021 14:36 #953326 von Charles
... und was riskierst du für deine Musik? wurde erstellt von Charles
Im Thread " Röntgenaufnahmen (oder auch Röntgenschallplatte) " wurde ja schon auf das Thema "Musik -> Gefahr" eingegangen. Auch in der DDR (eher in den Anfängen) landete man auch wegen Musik im Gefängnis. Hier ein Bild, was ich im Internet fand:


Polizeifoto vom 15.5.1958

Nun hab ich versucht weitere Infos über diesen Klub aus dem Jahre 1958 zu finden. Hier erstmal, was ich bisher fand:

"Mitglieder eines (illegalen) "Rock and Roll-Klubs" aus der sächsischen Kleinstadt Schmölln hatten den provokativen Spruch auf ein Transparent geschrieben, mit dem ca. 100 Fans dieser Musik im Mai 1958 durch das Dörfchen Ponitz zogen.

Während das Singen des "Aufbauliedes" staatlich gewünscht war, hatte das öffentliche Bekenntnis zum westlichen Rock 'n' Roll-Star Elvis Presley juristische Konsequenzen. In einem Verfahren wegen "Landfriedensbruchs" wurden acht der beteiligten Jugendlichen zu "Gefängnisstrafen von acht Monaten bis zu zwei Jahren" verurteilt. Dem Betreiber des örtlichen Tanzsaals wurde seine Konzession entzogen."

...

"Streng verboten waren in der DDR weder Presley noch Dean; aber sie waren auch nicht unbedingt erlaubt. Sie waren immer soweit präsent, wie Musiker, Filmemacher oder Fans sich trauten, sie aufleben zu lassen.

Das geschah mal still und leise in den heimischen vier Wänden, mal eher verbrämt, didaktisch im Kino. Doch manchmal brach es auch heraus aus den Jugendlichen und sie verschafften ihrem Unmut über die Zensierung ihres Musikgeschmacks öffentlich Luft. So im April 1959, als die sogenannte "Wahrener Meute", eine Jugendclique, in einem "Aufklärungsmarsch" durch den Leipziger Norden zog.

Dabei skandierten die ca. 50 Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren Sprechchöre wie: "Es lebe Elvis Presley", oder: "Wir wollen keinen Lipsi und keinen Alo Koll, / wir wollen Elvis Presley mit seinem Rock'n-Roll!" – damit ihre Vorlieben wie Feindbilder eindeutig benennend.

Auch diese jugendliche Unmutsäußerung hatte ein juristisches Nachspiel. Die Gerichte zogen – unter anderem, weil die Westmedien ausführlich über die Leipziger "Presley-Demo" berichtet hatten – alle Register und verurteilten 25 der Jugendlichen wegen Staatsverleumdung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, aber auch wegen sexuellen Missbrauchs und Einbruchs zu Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu viereinhalb Jahren. Offensichtlich meinte die Justiz nur noch mit Härte das Rock 'n' Roll-Phänomen in der DDR in den Griff zu bekommen."

Dies stammt aus dem Buch "All You Need Is Beat" von Yvonne Liebing. Leider liegt mir das Buch nicht vor:



Fand hier aber Auszüge (u. a.):  Jugendkultur in der DDR zwischen Staatsgründung und Mauerbau

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13 Okt 2021 14:46 #953327 von Charles
Presley-Bande (Oktober 1958)

AbteilungK, Bezirksbehörde Deutsche Volkspolizei Leipzig

Betr.: Bericht über die Pressley- und 42er Bande (Leipzig, den 10.12.1958)

Am 12. November 1958 sprach der Genosse Walter Ulbricht vor einem Jugendforum in Leipzig-Schönefeld. In der folgenden Diskussion wurde u.a. auch von den sogen. “Vogelscheuchen” und über die in Leipzig bestehenden “Pressley”- und 42er Banden gesprochen.

Die Pressley-Bande bestand vorwiegend aus Mittelschüler von der Leipnitz-Mittelschuchle in Leipzig, Nordplatz. Sie hatten sich diesen Namen zugelegt, weil sie wie Pressley die gleiche Kleidung trugen. Sie besassen auch ein “Statut” mit folgenden Regeln:

1.) Keine Ostschlager singen

2.) die westlichen und amerik. Jazzsänger lieben

3.) niemand anders in den Club mitbringen

4.) im Sommer nur die Pressley-Bluse tragen

5.) amerik. Schlager singen

Die Pressley-Bande trat vorwiegend in Leipzig, in der Ernst-Thälmann-Strasse vor den dortigen Filmlichtspiel-Theatern in Erscheinung. Dort machten sie sich auf dem Fussweg breit und belästigten die vorübergehenden Bürger.

Diese Pressley-Bande versuchte erstmalig auf dem Pressefest in der Messhalle in Leipzig Unruhen zu provozieren. Ein Teil der Bande wurde festgenommen und 13 Jugendliche gingen in Haft. In der Vernehmung konnten eine Reihe Krad-Diebstähle ihnen nachgewiesen werden.

Wie die sozialen Verhältnisse der Jugendlichen zeigte, waren der größte Teil aus der 6. bzw. 5. Schulklasse entlassen worden. Einige waren nach Westberlin gefahren, hatten dort Kinos besucht, Schundliteratur mitgebracht und machten sich gegenüber den anderen Jugendlichen sehr wichtig.

Sämtliche Angehörigen der Pressley-Bande wurden karteimässig erfasst und es wurde mit der Beseitigung dieser Bande begonnen. Auf der Arbeitsstelle wurde die Lehrmeister verständigt und mit den Jugendlichen wurden Aussprachen geführet. Weiterhin wurden die Eltern eingeladen und mit ihnen ebenfalls Aussprachen geführt. In den Stadtbezirken wo die Bande auftrat wurden laufend Vorträge über Jugendkriminalität und Rowdytum gehalten.

Alle diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass die “Pressley-Bande” merklich an Einfluss verloren hatte und bei weitem nicht mehr so massiert auftrat wie vordem. Zur entgültigen Beseitigung der Pressley-Bande hatte folgender Vorfall beigetragen:

Als die Bande sich Ende Oktober 1958 wieder auf dem Fussweg breitmachte, wurde sie von einer Anzahl Bürger derartig verdroschen, dass einige sich in ärztlicher Behandlung begeben mussten. Seit dieser Zeit kann nicht mehr von der “Pressley-Bande” gesprochen werden.

Durch diese “organisierte Selbsthilfe” der Bürger wurde gleichzeitig die sogen. 42er Bande aufgelöst. Diese Bande trat ebenfalls vorwiegend in der Ernst-Thälmann-Strasse in Erscheinung. Diese Bande war nicht so organisiert wie die Pressley-Bande. Außer den X. waren noch einige Jugendliche die sich Namen wie Billy, Mäcky, usw. zugelegt hatten. Sie standen im Mittelpunkt und waren auch die Personen, welche die Bürger anpöbelten.

Einzelne Angehörige der 42er Bande wurden wegen Sittendelikte in Haft genommen. Auch hier wurden sämtlich Angehörige der Bande karteimässig erfasst.

In Verbindung mit der FDJ wurden Ausspracheabende organisiert. Auch hier wurden die Eltern eingeladen.

Ein Teil der 42er Bande verzog sich von der Ernst-Thälmann-Str. nach der Petersstrasse und versammelte sich vor dem Lichtspiel-Theater Capitol. Die Methoden waren die gleichen wie in der Ernst-Thälmann0Strasse, Anpöbelung von Passanten und Belästigen von jungen Mädchen. Auch hier ist es merklich rühig geworden, nachdem Mitte Oktober 19587 einige Bürger die Angehörigen der Bande gehörig verdroschen hatten.

Weitere Massnahmen zur Beseitigung dieser Banden wie Aussprachen mit den Karusselbesitzern auf der Leipziger Kleinmesse nicht mehr Rock’n Roll Musik zu spielen, trugen ebenfalls mit dazu bei, dass diesen Banden der Boden entzogen wurde.

Erstmalig wurde auch auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt der üblich Karusselbetrieb auf dem Karl-Marx-Platz, was ein Tummelplatz für diese Banden war, nicht zugelassen.

Mit neuen Arbeitsmethoden werden die Anführer der Banden laufend überwacht, sodas geplante Massnahmen von der Bande entsprechend begegnet werden können.

Arbeitsgruppenleiter AK3, Oberleutnant der VP.
Sächsische Staatsarchiv Leipzig, BDVP 24/113, S. 90
Quelle: DDRJugend.Wordpress.Com
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13 Okt 2021 15:08 #953329 von Elvis9231
Danke für die Beiträge Charles!
Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Zumindest wird einem bewusst, dass es uns eh nicht so schlecht geht, wie wir oft vermuten oder uns einbilden.

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13 Okt 2021 16:21 #953340 von Whitehaven
Whitehaven antwortete auf ... und was riskierst du für deine Musik?
Danke Charles, interessantes Thema.

hier noch ein Link zum Thema:

www.rockabilly-rules.com/blog/rockabilly-ddr-elvis/

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“Wir wollen keinen Lipsi und keinen Alo Koll, wir wollen Elvis Presley mit seinem Rock’n’Roll!”
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15 Okt 2021 12:53 #953439 von fronk
Man muss allerdings zwischen Elvis- bzw. Musik-Fans und kriminellen Jugendbanden unterscheiden! Mir hatte früher auch ein Arbeitskollege von Jugendbanden in den 1950ern in Berlin erzählt, welche jedes Viertel bzw. Straße unter sich aufgeteilt hatten. Das hatte aber nix mit Musik sondern eher mit Banden-Kriminalität zu tun, wie es sie auch heute noch immer gibt.
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