CD-Besprechung aus "Memories Of Elvis" - Nummer 124 (2005)

Taniolo

Als Elvis im Sommer 1969 auf die Showbühne zurückkehrte und in Las Vegas ein sagenhaftes Live-Comeback feierte, war RCA in Person von Felton Jarvis zur Stelle, um zwischen dem 21. und 26. August 1969 insgesamt elf Shows aufzuzeichnen.

Bereits zu den Proben während der Nachmittagsstunden und zur Dinner Show am Donnerstag, dem 21. August, hatte Felton die Aufnahmetechnik zum Durchtesten aufgebaut. Ab der Midnight Show wurde es dann ernst, denn Material für ein Live-Album sollte eingespielt werden, welches später im Jahr (Oktober 1969) unter dem Titel From Memphis To Vegas / From Vegas To Memphis als Doppel-LP erschien, wobei die erste Scheibe die Live-Aufnahmen enthielt.

 

All Shook Up
(BMG RCA
8287670306-2)

In der Zwischenzeit sind weitaus mehr als die damaligen 12 Songs veröffentlicht worden. So gab es nicht nur auf der dritten CD der Box Collectors Gold eine Reihe von bis dato unveröffentlichten Aufnahmen, sondern sowohl auf dem Box-Set LIVE IN LAS VEGAS als auch auf der FTD At The International erschienen mit der Dinner Show vom 24. August 1969 bzw. der Midnight Show vom 23.9.1969 zwei komplette Konzerte und bereits 1980 veröffentlichte BMG/RCA auf dem 8-LP-Set Elvis Aron Presley die berühmte Lachversion von Are You Lonesome Tonight.

Genau dieses legendäre Are You Lonesome Tonight stammt – wie ebenso vier weitere Aufnahmen, die es erstmals 1991 auf COLLECTORS GOLD gab – aus der Mitternachtsvorstellung vom 26. August 1969, welche nun im Juli 2005 auf dem FTD Release ALL SHOOK UP veröffentlicht wurde.

Bereits der erste Eindruck, den man von dieser neuen FTD-Veröffentlichung erhält, sobald man die gesamte Verpackung in der Hand hält, überzeugt. Selten nur kam eine FTD-CD gestalterisch so einfach und doch genial daher. Man ist versucht, das Ganze als Retro-Look zu bezeichnen und bereits mit dem Layout ergreift den Fan ein good old feeling. Das Motiv auf dem Frontcover, welches wir bereits vom Cover der A TOUCH OF PLATINUM, Vol. 2 kennen, zeigt Elvis mit seiner Gibson Jumbo 200. Hier ist es aber in Farbe. Die Schrift auf dem Backcover ist aufgrund der nicht sonderlich starken farblichen Kontraste zwar wieder einmal etwas schwer zu lesen, aber darüber kann man hinweg sehen, denn letztendlich ist es vor allem der Inhalt, der entscheidet und der auch überzeugt und hält, was der erste äußere Eindruck bereits verspricht.

Die neue CD selbst startet mit dem 1969 noch üblichen Instrumental aus Baby I Don’t Care, welches direkt in Blue Suede Shoes übergeht und hier rockt sich Elvis bereits in den üblichen 1969er Eröffnungsblock, welcher neben Blue Suede Shoes genau so aus I Got A Woman und All Shook Up besteht. Bereits bei Blue Suede Shoes spürt man, wie der neue und vor allem andere Mix (beispielsweise im Vergleich zum Konzert auf der LIVE IN LAS VEGAS) dem Konzert gut tut und eine erfrischende Note verleiht. Es ist insbesondere Larry Muhoberacs Piano, das besonders auffällt und deutlich besser zur Geltung kommt als auf den vorangegangenen Releases.

Man kann dieses Piano bereits beim Intro wunderschön ausmachen und auch der rockende Charakter von Blue Suede Shoes profitiert deutlich von diesen Pianoklängen. Das einzige, was Blue Suede Shoes hier noch zur vollsten Zufriedenheit des Hörers fehlt, ist die „you can burn my house, steal my car“-Strophe, welche Elvis noch während der ersten Auftritte im August 1969 im Programm hatte und die so auch noch auf der Import-CD OPENING NIGHT 1969 zu hören war. Während I Got A Woman realisiert man auch, dass die Sweet Inspirations in ihrer Funktion als Backgroundsängerinnen in dieser aktuellen Abmischung mittig ins Panorama gestellt wurden, während sie auf früheren Veröffentlichungen deutlich außermittig im Mix platziert wurden. Die neue, sehr homogene Abmischung der einzelnen Akteure bedingt zwar auch etwas, dass die Sweets vielleicht nicht ganz so deutlich und kräftig herüber kommen wie gewohnt und sich dem restlichen Ensemble unterordnen müssen und das wird bereits bei All Shook Up deutlich. Aber wenn man das als Konzession an das großartige Pianospiel von Larry Muhoberac versteht, welches hier die gebührende Würdigung erfährt, so ist es gut zu verschmerzen.

Elvis setzt die Show wie bereits aus anderen Konzerten vom August 1969 bekannt und gewohnt mit Love Me Tender fort und der Hörer kommt auch hier nicht umhin, die sehr inspirierte Klavierbegleitung von Mister Muhoberac zu verfolgen. Und nicht nur Love Me Tender profitiert im Verlaufe der Show vom „groove“ des Pianos, denn Larry zelebriert hier einen anderen weniger Country-orientierten Stil, als wir ihn von Glen Hardin kennen, und versteht es eine entsprechende stark „funkige“ Note zu setzen.

Elvis kündigt als nächstes ein Medley an und setzt mit der bereits bekannten Kombination aus Jailhouse Rock und Don’t Be Cruel im Showprogramm fort und es macht einfach Spaß, Elvis zuzuhören und zu spüren, wie viel Spaß er selbst bei den damaligen Auftritten hatte.

Mit Heartbreak Hotel und Hound Dog folgen zwei weitere Nummern aus der guten alten Zeit der 50er Jahre. Heartbreak Hotel ist bluesig und sowohl die Sweet Inspirations als auch der Rest der Band tun ihr Bestes, um diesen Bluescharakter zu unterstreichen und ein weiteres Mal sind es Muhoberacs Pianoläufe, die ein Übriges tun. Hound Dog beginnt mit dem üblichen Monolog („when I try to think of a special song for the night, a message song ...”), den Elvis von Show zu Show in einigen Nuancen immer etwas variierte und der in seiner wohl sanftesten und unverfänglichsten Form auf dem Live-Album IN PERSON veröffentlicht wurde. Hier, in dieser Nacht, scherzt Elvis jede Menge und muss teilweise selbst über seine Wortspielereien lachen, was unter anderem in seiner Bemerkung gipfelt, wenn er so weiter mache mit seinen zweideutigen Anspielungen, würde man ihn alsbald für weitere neun Jahre aus Vegas „aussperren“.

I Can’t Stop Loving You ist absolut neu im Programm hier im August 1969 und Elvis macht eine feurige, wenn auch leicht verlachte Version daraus. Und so sehr die Unbekümmertheit von 1969 dem Song auch zu gönnen ist, so muss man doch feststellen, dass Elvis in diesen Augusttagen noch nicht an das heran kommt, was er dreieinhalb Jahre später während seines Aloha-Specials daraus macht.

Mit „one of the first records I’ve ever recorded” leitet Elvis zu dem Medley aus Mystery Train und Tiger Man über und welchen Spaß macht es speziell hier wieder, dem Spiel der Instrumente zu lauschen, die die Illusion vom vorbeirauschenden Zug entstehen und den König des Dschungels von Ast zu Ast schwingen oder gar hüpfen lassen - James Burton, Ronnie Tutt und Larry Muhoberac liefern eine perfekte musikalische Untermalung zu Elvis’ Gesang ab. Dem Medley schließt sich der übliche, gut zehn Minuten lange Monolog an, welcher auf einigen anderen Veröffentlichungen auch treffend als Elvis Talks About His Career bezeichnet ist.

Anschließend geht es weiter mit Elvis an der Gitarre und er spielt nach einigen einleitenden Worten zusammen mit seinen Musikern Baby What You Want Me To Do, jenen Song, den er erstmals während seines 68er TV-Specials präsentiert hatte.

Genau wie Baby What You Want Me To Do gehört auch das folgende Runaway zum Standardprogramm dieses 1969er Engagements und auch hier versäumt es Elvis nicht, die Referenz zu Del Shannon, welcher ein paar Jahre zuvor mit dem Song einen Hit hatte, zu geben. Am Anschluss an den Song ergibt sich für Elvis sogar noch die Möglichkeit, Del Shannon persönlich vorzustellen, denn Del sitzt an diesem Abend im Publikum. Und damit steuert Mr. Presley im Programm auch schon auf den eher unbeabsichtigten Höhepunkt der Show zu und wem die Lachversion von Are You Lonesome Tonight ein Begriff ist – und wem ist sie das nicht? – der weiß, was jetzt in dieser Nacht vom 26. auf den 27. August 1969 folgt.

Wer sich aber nun erhofft hat, durch die Veröffentlichung der gesamten Show der wahren Geschichte um Elvis’ Lachanfall während dieses speziellen Songs näher zu kommen, sieht sich leider getäuscht. Im Verlaufe der Show ist nichts, kein entsprechendes Ereignis, zu finden, was direkt mit dieser so göttlich verlachten Version von Are You Lonesome Tonight in Zusammenhang stehen könnte. So bleibt dem Fan weiterhin das, was Myrna Smith in einem früheren Interview zu berichten wusste, dass nämlich während der Show jemand nach vorne in Richtung Bühne gerannt kam, dabei eine andere männliche Person, die ein Toupet trug, anrempelte, wobei das Toupet herunter fiel. Etwas später im Verlaufe der Show erinnerte sich Elvis offensichtlich an diese Situation und das passte irgendwie sehr gut zu den schon hin und wieder mal von ihm geänderten Lyrics von Are You Lonesome Tonight ("gaze at your bald head and wish you'd have hair"). Bereits während der Dressing Room Rehearsals zu seinem 1968er TV-Special sang er am 24. Juni 1968 eine nicht ganz seriöse Version des Songs und baute genau diese erwähnte Änderung auch damals schon in den Text ein. Aber auch während Elvis’ Auftritt in Honolulu am 25. März 1961 (U.S.S. Arizona Memorial Benefit Concerts) gab es eine passende Textänderung an anderer Stelle des Liedes („now the stage is bare and you’ve lost your hair“).

In dieser Nacht nun, während der Midnight Show vom 26. August 1969, musste Elvis – vielleicht im Zusammenhang mit dem beschriebenen Vorfall im Publikumsraum – darüber lachen – anfangs nur ein wenig. Dieses Lachen wirkte nun aber ganz offensichtlich ansteckend auf andere. Charlie, der immer für einen Spaß zu haben war, konnte sich sein Grinsen sicher kaum verkneifen und dem Rest der Band wird es ähnlich gegangen sein. Das wiederum stachelte Elvis erneut an und das Ganze schaukelte sich langsam aber sicher auf.

Die fast einzige, die dabei ruhig blieb und ihren Part unbeeindruckt durchzog, war Emily „Cissy“ Houston von den Sweet Inspirations. (Obgleich auch immer wieder behauptet wird, es handle sich bei der standhaften Sopranstimme während Are You Lonesome Tonight um Millie Kirkham, so darf man wohl mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es Cissy war, die hier sang. Nicht nur, dass Millie lediglich während der ersten Woche dieses Vegas-Engagements Elvis bei seiner Show begleitete, sie wird auch sowohl von Myrna Smith (Sweet Inspirations) als diejenige angegeben, die während dieser Show die „hohe Stimme“ sang, als auch Peter Guralnick und Ernst Jorgensen beschreiben in ihrem Buch "Elvis - Day By Day" ebenfalls. Auch Kathy Westmoreland scheidet übrigens aus, da sie erst ein Jahr später zur „Truppe“ stieß.) Elvis jedenfalls "honorierte" Cissys Standhaftigkeit mit einem "sing it, baby, sing it" und hatte einen Heidenspaß.

Das folgende Rubberneckin’ kannte der Elvis-Fan in dieser Live-Version bereits von der COLLECTORS GOLD Box, dort aber wurde es noch ohne den langen Fehlstart, der gut eine Minute dauert, veröffentlicht. Hier haben wir es erstmals inklusive des kleinen Ausrutschers, der Elvis und die Band zwingt, noch einmal von vorne durchzustarten. Die Nummer ist hier im Live-Programm noch eine Spur rockiger als im Film („Change Of Habit“). Definitiv eine der wirklich großartigen Gelegenheiten, einen Song von Elvis live präsentiert zu bekommen, der später nie wieder im Programm sein würde.

Eher unspektakulär geht es weiter mit einem Beatles-Medley aus Yesterday / Hey Jude. Hier ist es wohl eher die bereits schon mehrfach erwähnte Abmischung, aus der Muhoberacs Piano besser heraus zu hören ist als aus früheren Versionen, die die Performance interessant macht. Ansonsten begeistert die Fassung wohl eher durch ihr fulminantes Ende, welches vor allem Ronnie Tutt beisteuert, als durch den Vortrag selbst.

Die üblichen Band Introductions mit den bekannten kleinen Witzchen („Charlie this is Jerry“ und „that’s tutt scheff anyway you look at it“) folgen und Elvis erlaubt sich sogar einen kleinen Rülps, was für allgemeine Heiterkeit im Publikum sorgt. Damit ist man dem Ende der Show schon relativ nahe. Elvis stellt mit In The Ghetto noch seinen großen Hit aus dem aktuellen Jahr vor und bringt eine sehr engagierte Version, die aber in dieser Vegas-Live-Version schon nicht mehr die eigentliche Ausdruckskraft mitbringt, die die Single hatte. Weiter geht es an jenem Abend mit einer anderen Überraschung. Die Aufnahme ist zwar seit der Veröffentlichung der bereits schon mehrmals zitierten COLLECTORS GOLD bekannt, aber sie bleibt trotzdem die Ausnahme im sonst streng einstudierten Showprogramm des Jahres 1969. Tatsächlich ist keine andere Live-Version von This Is The Story, welches erstmals auf dem Doppelalbum aus 1969 veröffentlicht wurde, bekannt.

Elvis kündigt noch seine aktuelle Single Suspicious Minds an und singt eine fast siebenminütige Version dieses Songs, bevor er dann mit Can’t Help Falling In Love die Show wie üblich beschließt. Und wer - an dieser Stelle des Konzertes angelangt – es für beendet erklärt, sollte erst weghören, wenn auch der letzte Takt verklungen ist, denn obgleich Elvis ein paar Küsse verteilt während dieses Abschlussliedes, so liefert er hier doch eine besonders schöne Version von Can’t Help Falling In Love ab.

Diese neue FTD-CD, ALL SHOOK UP, als nicht rundum gelungen zu bezeichnen, sollte äußerst schwer fallen, denn sowohl Inhalt als auch Aufmachung sprechen eine deutliche Sprache. Nicht nur Elvis spielte an diesem Abend auf einem hohen Level, sondern auch die Designer von Follow That Dream Records haben eine durchaus gute Arbeit geleistet.

Zusatzinfos:

Title: All Shook Up
Performance: Las Vegas, Nevada (International Hotel) August 26th, 1969 M/S
Runtime: 74:37
Recorded: Multi-track Recording
Release: July 1st 2005

Track Listing:

Blue Suede Shoes - I Got A Woman - All Shook Up - Love Me Tender - Jailhouse Rock / Don’t Be Cruel – Heartbreak Hotel – Hound Dog – I Can’t Stop Loving You – Mystery Train / Tiger Man – Monologue – Baby What You Want Me To Do – Runaway – Are You Lonesome Tonight? (laughing version) – Rubberneckin’ – Yesterday / Hey Jude – Introductions – In The Ghetto – This Is The Story – Suspicious Minds - Can’t Help Falling In Love


Previously Released:

Baby What You Want Me To Do  Collectors Gold (1991)
Runaway  Collectors Gold (1991)
Are You Lonesome Tonight? (laughing version)  8-LP-Box-Set Elvis Aron Presley (1980)
Rubberneckin’  Collectors Gold (1991)
This Is The Story  Collectors Gold (1991)


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