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Datum: |
16.08.1997 |
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Ressort: |
Blickpunkt |
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Autor: |
Frank Junghänel |
Elvis im Kulturbund
Presley-Fans hatten es zu DDR-Zeiten nicht leicht erst 1989 genehmigten die Behörden
in Berlin eine "Interessengemeinschaft"
Als der Aufzugsmonteur Werner Strube und die anderen sich zum
ersten Mal offiziell treffen durften, war Elvis Presley 12 Jahre tot. Und die DDR hatte
nur noch ein paar Monate. ",Fanclub durften wir uns damals nicht nennen", sagt
Strube, "das wollten die Funktionäre vom Kulturbund nicht. Wir mußten viermal bei
denen vorsprechen und erklären, warum, weshalb, wieso wir diese Gruppe gründen wollen
und was wir überhaupt damit beabsichtigen. Wir haben also viermal dasselbe erzählt,
kritische Auseinandersetzung und so, dann sollten wir uns als
"Interessengemeinschaft" bezeichnen und bekamen einen Raum beim Kulturbund im
Stadtbezirk Weißensee zur Verfügung gestellt." Jegliche Dekoration sei
ausdrücklich untersagt gewesen, "aber seine Poster hätte sowieso niemand
hergegeben".
Zur Gründungsversammlung der 11 Ostberliner "Elvis-Interessenten" am 12.
Todestag des Sängers stand als Zeichen der Verehrung nur ein kleiner goldener Elvis aus
Strubes Sammlung auf dem Tisch. Strube wurde zum Vorsitzenden der
"Interessengemeinschaft Elvis Presley im Kulturbund der DDR" gewählt.
Teure Platten Die Berliner waren nicht die Avantgarde. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich
im sächsischen Crimmitschau die erste "IG Elvis" auf dem Territorium der DDR
konstituiert, was sogar Reuter eine Meldung wert war. Allerdings mit zwölfmonatiger
Verspätung, was wiederum auf die ostdeutsche Nachrichtenagentur ADN zurückzuführen war,
die den bemerkenswerten Vorgang erst zu dieser Zeit an die Weltöffentlichkeit gab. ADN
teilte mit, daß die "Musikfreunde" keine "Vergötterungsabende"
durchführen würden, sondern "die Widersprüchlichkeit der Persönlichkeit Elvis
Presley" untersuchen und sein Werk "sachlich unter die Lupe nehmen".
Die Berliner Fans hatten sich schon vier Jahre zuvor das erste Mal getroffen, als sich auf
eine Annonce Strubes in der Zeitschrift Wochenpost "Tausche und kaufe
Elvis-Platten" ungefähr 40 Interessenten aus der ganzen DDR gemeldet hatten.
Darunter ein paar Berliner, die dann lose Kontakt zueinander hielten, auch über das
Geschäftliche hinaus. Die Preise für "Originalplatten" wurden durch Angebot
und Nachfrage bestimmt. Die Nachfrage an Westplatten war groß, das Angebot offiziell
nicht vorhanden. Und so wechselte eine Doppel-LP schon mal für 350 DDR-Mark den Besitzer,
die Zehnfach-Box ging nicht unter 1000 Mark weg. Wer Verwandte im Westen hatte, konnte gut
verdienen. Wer keine hatte, war arm dran.
Strube durfte 1986 zum ersten Mal "in dringenden Familienangelegenheiten" über
die Grenze. Er kam mit 60 Elvis-Platten in der Tasche zurück, die Freunde und Bekannte
bei ihm bestellt hatten. Der Volkspolizist am Grenzübergang soll sich nur gewundert
haben, daß Presley "so viel gesungen hat". Strube gab ein bißchen Nachhilfe
und brachte die Ladung problemlos in die Elvis-freie Zone. Ein anderer Geschäftsreisender
hatte Pech. Er blieb mit einem Stapel Platten, den er in Prag von einem Kurier aus dem
Westen übernommen hatte, im Stau stecken. In der Hitze verformte sich das Vinyl im
Kofferraum seines Wartburgs zu schwarzen Frisby-Scheiben.
Der Elvis-Fan in der DDR sah sich vor allem mit einem Beschaffungsproblem konfrontiert.
1973 kam im Verlag "VEB Lied der Zeit" das erste und einzige Elvis-Poster
heraus, 1978 erschien bei Amiga die erste und einzige Elvis-LP, der später nur noch eine
Platte mit vier Weihnachtsliedern folgte. 1986 wurde die erste und einzige Elvis-Biografie
verlegt, geschrieben von Wolfgang Tilgner, der ansonsten für die Puhdys textete. Dem
Elvis-Fan im Osten ging es nicht besser und nicht schlechter als dem Stones- oder
Beatles-Fan. Zwar war die Zeit längst vorbei, als Walter Ulbricht noch forderte,
"Schluß mit diesem Yeh, Yeh, Yeh" zu machen und die "Beatmusik"
verteufelte. Doch Rock ·n· Roll aus dem Westen war einfach teuer.
Nach der Wende war er dann überall billig zu haben. Einem kurzen Aufschwung im 89er
Herbst, als sich plötzlich 100 Leute aus der ganzen DDR bei der Interessengemeinschaft
meldeten, folgte der langsame Zerfall der Gruppe. "Von Monat zu Monat kamen weniger
Fans zu den Treffen", sagt der Vorsitzende. Die Verbliebenen standen vor der
Alternative, aufzuhören oder sich neu zu organisieren. Seit 1991 gibt es den Elvis Club
Berlin als eingetragenen Verein mit Statut, monatlicher Versammlung der 40 Mitglieder im
Café der Seniorenfreizeitstätte Hohenschönhausen, was die Leiterin anfangs ziemlich
beunruhigte, mit Weihnachtsfeier und Clubmagazin.
Graceland in Mahlsdorf Von Mahlsdorf am östlichen Stadtrand Berlins, wo Werner Strube
lebt, bis nach Graceland am Stadtrand von Memphis, wo er gerne leben würde, sind es nur
ein paar Schritte. Die Kellertreppe runter, am Katzenklo und der Galerie sperrhölzerner
Naturschutzkalender vorbei. Als Strube vor drei Jahren das Haus seiner Schwiegermutter
übernahm, richtete er sich im Kohlenkeller seinen Elvis-Tempel ein. Er ist winzig und
niedrig, das einzige Fenster ist die kleine Luke, durch die früher die Kohlen geschüttet
wurden.
Überall Elvis. Dutzende Plakate an den vier Wänden, Aktenordner, Bücher, Videos, CDs
und diverse Devotionalien in den Regalen, das Modell eines pinkfarbenen Cadillacs, das
Strube einmal von seinen Kindern zu Weihnachten geschenkt bekam, die goldbemalte
Plastik-Statue des Sängers, die er preisgünstig einem Sammler abkaufte, der Schriftzug
von Priscilla Presley, den er sich im KaDeWe auf die Autogrammkarte setzen ließ, das
Elvis-Puzzle aus dem Intershop. Alles schön bunt.
Die wahren Werte sind unscheinbar. Etwa die allererste Elvis-Single "That·s All
Right, Mama", aufgenommen 1954 in den Sun-Studios, die Strube in einem Tresor
aufbewahrt. "Ich habe sie erst ein einziges Mal auf den Plattenteller gelegt."
Als er die Nadel aufsetzte und aus dem Knistern heraus die ersten Takte erklangen, sei er
"sehr gerührt" gewesen. Nur Gleichgesinnte, sagt Strube, könnten das
verstehen.
Zum Beispiel Klaus und Charles. Klaus Lischewski, Kraftfahrer, seit 1989 in
Reinickendorf zu Hause und Charles Gorges aus Hohenschönhausen, zur Zeit in der
Umschulung zum "Rechtsanwalt- und Notarfachangestellten", kommen regelmäßig
bei Strube vorbei. Dann sitzen sie stundenlang zusammen im Keller und hören neu entdeckte
Versionen alter Songs, vervollständigen am Computer ihre selbstverfaßte Diskografie des
Elvis-Katalogs, die bislang 420 Seiten umfaßt. Festgehalten sind dort die Chronologie der
Editionen mit Aufnahmetag und die personelle Besetzung der Sessions. Falls es irgendwie zu
recherchieren ist, wird sogar die Uhrzeit der Aufnahme verzeichnet. "Man möchte als
Fan die korrekten Daten haben." Strube (42) favorisiert die langsamen Nummern aus den
70ern, Lischewski (54) liebt den 50er-Jahre-Rock-·n·-Roll, und Gorges (31) mag eher die
Sixtees.
Lischewski ist in Oberschöneweide mit Elvis im Radio großgeworden. "Die ,Schlager
der Woche· im Rias und , Frohlich at Five auf AFN waren für uns Pflicht", erzählt
er. Dann redet er von den alten Zeiten, als die Antennen auf den Dächern linientreu
ausgerichtet werden mußten und lange Haare als Sicherheitsrisiko galten. Seine ersten
Elvis-Filme hat Lischewski für 25 Pfennig Ost in den Grenzkinos von Kreuzberg gesehen,
Singles für 20 Ostmark bei "Musik-Bading" in der Neuköllner Karl-Marx-Straße
gekauft. "Die haben das Ostgeld gleich 1:5 umgerubelt." Als er nach der Schule
1959 bei den Berliner Metallhütten und Halbzeugwerken angefangen hat, verdiente er 100
Mark in der Woche und gab 80 Mark davon für Singles aus. "Die 50er Jahre waren
Partyzeit", erzählt Lischewski, und mit seinen 300 Singles sei er immer ein
gefragter Gast gewesen. Auch nach dem Mauerbau war die Party nicht zu Ende. "Wir
haben mindestens einmal in der Woche irgendwas gefeiert."
Bei Strube begann alles 1970 in der 8.Klasse, als ihn ein Mitschüler darauf aufmerksam
machte, daß am Abend eine Elvis-Show im Fernsehen läuft. Wer is´n Elvis? hat Strube
gefragt. Für einen 15jährigen aus Ostberlin mußte Elvis im Jahre 1970 nicht unbedingt
ein Begriff sein. Gerade erst hatten sich die Beatles getrennt. Wer auf dem laufenden sein
wollte, hörte Jimi Hendrix oder Neil Young. Elvis war ein dicklicher Schnulzensänger.
Werner Strube hat sich die Sendung mit ihm angesehen und war infiziert. "Man kann es
nicht erklären, warum ausgerechnet Elvis", sagt Strube, "es waren seine
Ausstrahlung, seine Stimme, es waren die Lieder, einfach alles."
Charles Gorges faßt das Phänomen Elvis zusammen: "Man muß es einfach als
gegeben hinnehmen." Gorges war Anfang der 80er Jahre Aktivist der Ostberliner
Rock-·n·-Roll-Szene. Seine Köpenicker Clique hat sich in einem Szeneclub mit dem Namen
des Spanienkämpfers Artur Bekker getroffen oder im Alex-Treff getanzt. "Tolle und
Koteletten waren Pflicht, die Jeans mußten unten umgekrempelt sein, und ohne Kamm ging
gar nichts", beschreibt Gorges die Regularien.
Einfach nur cool sein Das Herstellen der Frisur war nicht ganz einfach. Bevor sie auf die
Frisiercreme "Fun" aus einheimischer Produktion zurückgreifen konnten, wurden
die Haare einfach mit Seifenwasser aus der Stirn gekämmt. "Während der Schulzeit
bin ich in jeder Pause auf die Toilette gerannt, um die Tolle wieder hinzukriegen",
sagt Gorges.
Zum Todestag von Elvis haben sie sich jedes Jahr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz
getroffen, "ohne Problie mit der Polizei". Nur einmal hätten zwei Leute aus der
Gruppe aufs Revier mitkommen müssen, weil sie eine Südstaaten-Flagge trugen. Die
Polizisten betrachteten die Fahne irrtümlich als Reklame für den Ku-Klux-Klan. Mit
Politik hatten die Rock ·n· Roller aus Ostberlin nichts im Sinn. "Wir wollten die
fünfziger Jahre nachmachen, fanden die Möbel und die Autos geil. Coolsein stand für uns
absolut im Vordergrund."
Werner Strube und seine Freunde verachten Karaoke-Veranstaltungen und distanzieren sich
von schmierigen Elvis-Imitatoren. Keiner von ihnen trägt heute noch breite Koteletten.
Sie nennen sich Realisten. Elvis ist für sie seit 20 Jahren tot. Gestorben auf dem Klo,
dahingeschieden an den Folgen von Herzrhythmusstörungen, zu hohi Blutdruck und Arthritis,
begraben in Graceland vor den Toren von Memphis/Tennessee.
Auf dem Blumengesteck, das eine Delegation des Berliner Elvis-Clubs an diesem Wochenende
am Grab des Entertainers ablegt, steht in Goldschrift "In Love and Memory".
Strube ist zu Hause geblieben. Er baut.
